Ein Jahr San Francisco – Geeks, Träume und Silicon Valley

Allein schon die Fahrt mit dem Zug aus San Francisco ins Silicon Valley gleicht einer Fahrt durch Phantasialand. Caltrain heißt der bescheidene Zug, der San José mit San Francisco verbindet und von Techies und gelegentlich Giants Fans belagert wird. Die beste Aussicht hat man auf der linken Seite des Zuges, wenn man an einem See kurz nach Verlassen der Stadt vorbeirauscht. Vögel, Palmen, East Bay im Hintergrund, noch mehr Palmen. Kurz danach sieht man die ersten großen Gebäude der Tech-Firmen und Ausläufer des Silicon Valley. Wieder Palmen, wieder Natur. Dann Schrottplätze, Vorortgärten, SAP. Die Landschaft verändert sich mit jeder Meile, es wird nie langweilig beim Betrachten. Ein Ort, der nach über einem Jahr bei mir immer noch kognitive Dissonanzen auslöst. Besonders eindrucksvoll ist die Zugfahrt, wenn morgens San Francisco vom Nebel verschluckt wird und Silicon Valley im Sonnenschein aufwacht. Die Grenze von Nebel und Sonne ist etwa auf halber Strecke und es ist jedes mal so, als würde man in eine andere Welt eintauchen: in ein sunny California, nur ohne Surfer, dafür mit vielen Teslas und Funktionsjacken von Patagonia.

Nach 45 Minuten erreicht man Palo Alto. Über diese kleine Stadt wurde schon viel berichtet und ich möchte ungern wiederholen, was vor mir schon viele erzählt haben: über die idyllische Ruhe, über Investoren, die nur in Fleecejacken über die University Avenue laufen und über die Nähe zu Stanford, was natürlich dafür sorgt, dass sich Gespräche in den Cafés hauptsächlich um Software, UX und Venture Capital drehen. Das gibt’s hier wirklich. Und auch die Scharen junger Männer, die komischerweise wie Mädchen laufen (weil sie zu viel sitzen und programmieren?). Viel lieber würde ich über meinen Eindruck berichten; nämlich aus der Sicht eines Neuankömmlings, der vor über einem Jahr noch nicht viel über Tech wusste und der Cappuccinos in der Sonne, Maximilianstrasse und schnöselige LMU Partys mit der Westküste eingetauscht hat. Wobei – die Cappuccinos in der Sonne gibt es immer noch.

Viele fragen mich, wieso ich nach meinem Studium hier geblieben bin. Wieso nicht New York, wieso nicht München oder London. San Francisco war zwar nicht Liebe auf den ersten Blick, eher auf den 3. Meine erste Notiz, die ich auf meinen Handy nach meiner Ankunft machte war: “Na geil. Nicht mal in der Stadt angekommen, schon der erste Penner im Zug vom Flughafen in die Stadt. Schnarchend und gemütlich drapiert auf der Sitzbank. Jetzt bloß nicht verunsichern lassen, Penner gibt’s doch überall. Außer in München.” Und dann ging es los mit Tech Events, Surf-Trips, Startup-Gesprächen mit rastlosen Menschen, die ihren Platz auf der Welt nicht gefunden haben; immer auf der Suche nach Gleichgesinnten. Ich hatte zum ersten mal das Gefühl, dass ich an einem Ort gelandet war, wo man alles sein konnte: schräger Vogel, Hippie, Surfer, Freak, introvertierter Träumer, ambitionierter Geek, Snob, Hipster, was auch immer. Es gibt wohl keine Vorgaben, keine sozialen Standards, so scheint es, außer eine: bleib nie stehen. Arbeite hart genug und alles ist möglich. Sei kreativ und erfinde dich. Nach dem Motto: “Ich mache die Welt, wie sie mir gefällt”. Aber mit Fleiß. Weil es niemand kümmert, wie du deine Welt machst, wenn du Unternehmen aufbaust oder andere wunderbare Dinge kreierst. Weil es niemand kümmert, wie viele Balenciaga Taschen du besitzt.

Ist Kalifornien ein Ort der Freiheit? Ja. Allerdings wird einem schnell bewusst, dass diese Freiheit einen Preis hat. Das sind nicht nur die extrem hohen Mieten in der Bay Area oder die fancy Cocktails in SoMa, das sich neulich zum teuersten Wohnviertel der USA entwickelt hat. Bei so viel Tech und Venture Capital ist die Intelligenz ganz schön konzentriert (was zu Social Awkwardness führt. Aber das ist ein ganz anderes Thema, was wahrscheinlich ganze Bücher an Erzählungen füllen würde. Und außerdem habe das Thema noch nicht durchschaut.) Das ist einerseits sehr einschüchternd, aber was sich rausgestellt hat, ein effektiver Motivator für die Karriere und für die persönliche Entwicklung. Wie soll man sich da auch zufrieden geben mit dem eigenen Erfolg, wenn man täglich auf Twitter, Facebook, TechCrunch, VentureBeat und Instagram mitbekommt, dass deine gleichaltrigen Tech-Aficionados gerade eine stolze Summe Seed Money eingesammelt haben, eine Vorlesung in der Uni gehalten haben und einen Surf-Foto-Trip nebenbei unternommen haben. Und das ganz lässig mit 26. Hashtag no pressure.

Natürlich hat es Schattenseiten und nervige Nebeneffekte. Die Obdachlosen nimmt man nicht mehr wahr, der Gestank in der Stadt ist das tägliche Aroma, das dazugehört und was in der Welt sonst noch passiert, tritt manchmal in den Hintergrund, weil die Leute so fixiert sind auf das Bay Area Universum. Man wird schnell zum Opfer der Technologie: da wacht man neben einer Person auf und muss schnell mal likes auf Instagram checken, bevor man die Augen auf die Person daneben richtet. Bloß keine Nachricht verpassen, was Apple und Google gerade treiben und wo investiert wird. Und das alles in so einem Tempo, dass viele, die hier leben, nicht mal wissen, dass man vor San Francisco tolle Surfstrände hat. So ist man ständig hin und her gerissen zwischen übereifrigen Ambitionen und der kalifornischen Lässigkeit, die man meistens an Sonntagen im Dolores Park vorfindet. Ach ja, Dolores Park: ein wundervoller Ort, der dir vor Augen führt, wie San Francisco tickt, wenn es nicht gerade arbeitet. Das Leben ist ein Spielplatz und man wird nicht erwachsen. Viel zu groß ist die Auswahl an tollen Cocktails, psychotropen Substanzen, Tinder-Swipes und Startup-Träumen. Man möchte lieber halbnackt und mit Glitzer im Gesicht über die Blumenwiese tanzen! Ein Mekka für Menschen mit Bindungsängsten und für ewig Junggebliebene. Letztens blieb ich nach der Arbeit für 3 Stunden im vollen Caltrain stecken, weil der Zug davor versagt hat und mit dem Strom meines Zuges versorgt werden musste. Die Lichter gingen eine halbe Ewigkeit aus und statt der üblichen Nörgelei, habe ich nur 2 Sätze an diesem Abend raushören können: lass Twitter checken, was hier los ist. Bier wäre jetzt schön. Ach ja, und viel Gekicher.

Bei all der Träumerei und Verweigerung des Erwachsenwerdens habe ich mich mehrmals gefragt, ob man nicht mit dem Hang zur deutschen Effizienz und Strenge besser aufgehoben wäre. Die Arbeitgeber schätzen das doch so. Und in der Uni war es nie ein Nachteil. Bis ich nach und nach verstanden habe, wieso ich mich in San Francisco eigentlich so wohl fühle und wieso mein Glückspegel in Palo Alto regelmäßig ansteigt. Was in Deutschland regelmäßig als Generation-Y-Verhalten verschrien wird, hat mich erst hier wieder zum Träumer gemacht. Die Möglichkeit, den Lebensweg einzuschlagen, den man will. Die Möglichkeit, ewig Kind zu bleiben, mit all den Phantasien des Erforschens, Reisens und Sandburgen-Bauens. Wird doch alles gut. Hobbypsychologen müssten sich hier mal die Ohren zuhalten. Aber in meinen Augen ist es das, was die Gegend hier so einzigartig macht. Keine Idee ist zu verrückt, kein Traum zu unrealistisch. Nicht die Zukunftsangst ist der innere Motor, sondern der kindliche Optimismus. Wenn man scheitert, dann hat man es wenigstens versucht und hat viele Geschichten den Enkelkindern zu erzählen. Und während ich täglich im Zug ins Silicon Valley sitze oder durch SoMa schlendere, bin ich jedes mal sicher, dass mir meine Träume so schnell nicht ausegehen.

Aljona Tcherniavskaia

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